Erste Einblicke in den Trainerberuf

Erste Einblicke in den Trainerberuf

von Kerstin Kragh

Die Ausbildung zum Trainer ist bekanntlich schon sehr praxisnah gestaltet – Lernen durch Selbsterfahrung, Gruppenübungen, Partneraufgaben, Einzeltraining – ganz viel selber machen und ganz viel reflektieren. Eine super Vorbereitung und trotzdem: Das erste Seminar schlussendlich eigenständig zu organisieren und durchzuführen, ist noch mal ein weiterer großer Schritt.
Vorbereitung:
Oft habe ich schon an Veranstaltungen teilgenommen und auf meinem Platz wartete eine vorbereitete Arbeitsmappe oder ein Handout auf mich. Die Arbeit, die dahinter steckt, konnte ich jetzt durch meine Vorbereitungen erst richtig nachvollziehen. Wow, an was man alles denken muss!
Aufgrund meiner frühzeitigen Organisation konnte ich meine vielseitigen Ideen kreativ gestalten und einbringen. Um mich ganz auf den Inhalt der Veranstaltung konzentrieren zu können, habe ich jemanden für die Verpflegung und Kaffee in den Pausen organisiert (empfehlenswert). Nachdem die Teilnehmer für das Seminar feststanden, habe ich eine „Facebook-Gruppe“ gegründet, so dass sich die TN schon mal „beschnuppern“ konnten und ich die Möglichkeit hatte Bilder und Zitate zur bevorstehenden Veranstaltung zu posten. Das steigerte die Vorfreude auf beiden Seiten. Ein weiterer wichtiger Baustein ist eine grobe Zeitplanung der einzelnen Interaktionen.
Durchführung: 
Egal, welches Thema im Seminar behandelt wird, eine Erwartungsabfrage und Vorstellung der Agenda des Tages ist absolut notwendig. So weiß jeder, was ihn erwartet bzw. man könnte noch nötige Änderungen vornehmen. Meine Sorge, Regeln, Gruppeneinteilungen und Kennenlernspiele würden bei Erwachsenen auf Ablehnung stoßen, erwiesen sich als unbegründet. Im Gegenteil, gerade am Anfang wird eine Gruppeneinteilung bevorzugt, weil sich nicht jeder traut Eigeninitiative zu zeigen. Das gleiche gilt bei den Feedbackregeln zum Ende. Jeder hat schon mal in irgendeiner Form Feedback erhalten oder gegeben, aber was das wirklich konstruktiv? Für die Kennenlernspiele mit dem Hinweis – „Heute werden wir immer wieder auf eigenen Widerstand treffen sowie aus der Komfortzone gehen und das ist genau der Moment, in dem man so viel über sich lernt.“ – waren ebenso alle aufgeschlossen.
Nach der Mittagspause war die Stimmung schön ausgelassen, aber die TN waren nicht mehr so sehr „bei sich“. Intuitiv habe ich eine Meditation ausprobiert und gemerkt: Je selbstverständlicher die Übungen für mich sind, desto selbstverständlicher wurden sie von der Gruppe übernommen. Als Einleitung oder Überleitung habe ich gerne Geschichten oder Metaphern erzählt, was bei jedem Alter super gut ankommt. Parallel zum Seminar habe ich noch eine Aufgabe gestellt: Jeder TN zog ein Los mit dem Namen eines anderen TN und sollte am Ende des Seminars einen „Love Letter“ mit positivem Feedback an die Person schreiben. Das hat sowohl die Motivation und Spannung gesteigert als auch die Aufmerksamkeit bezüglich der anderen TN erhöht.
Nachbereitung: 
Nach dem Seminar war mein Bedürfnis „zu mir zu kommen“ sehr groß. Ich wollte einen Moment alleine sein, um mit dem Seminartag abzuschließen. Dabei half mir das Aufräumen des Seminarraumes im Anschluss. Die TN haben im Zuge des Seminars Briefe an sich selbst geschrieben mit den Zielen, die sie in sechs Monaten erreicht haben wollen. Diese wurden von mir frankiert und dann zu gegebener Zeit verschickt.

Umgang mit Feedback

Obwohl ich eigentlich im Umgang mit Feedback sehr erprobt bin, war das übereinstimmende und von so vielen Leuten erhaltende doch ungewohnt für mich. Das Feedback war durchgehend sehr positiv und trotzdem hat mich das negative bzw. konstruktive Feedback viel mehr eingenommen. Wenn man viel Herzblut in ein Training steckt, will der Perfektionist in einem natürlich, dass alles super läuft. Jetzt, nach Verarbeitung des Feedbacks kann ich sagen, dass alles super lief, aber es hat etwas Zeit gebraucht. Daran merke ich, dass auch Feedback annehmen nicht genug gelernt werden kann. Hier drei Beispiele des Feedbacks meiner TN, die ich erst mal verarbeiten musste:

  1. Wunsch nach Tabellen (z. B vom Arbeitsamt: Thema Berufsfindung)
    • Erstes Empfinden: Oh je, jetzt will der eine Tabelle und ich habe die nicht dabei. Er als TN kennt diese Tabelle und ich als Trainer nicht.
    • Jetzt weiß ich: Wenn die Tabelle im Internet zu finden und somit für jeden erhältlich ist, aber trotzdem noch nicht zur Klarheit über den Beruf geführt hat, reicht sie vielleicht nicht wirklich aus und ist zu allgemein gestaltet. Das Seminar hingegen ermöglicht einem viele individuelle Erkenntnisse über sich selbst, die man nicht einfach so ausdrucken könnte – das ist so viel wert! Aber die Tabelle kann ich mir ja anschauen und das nächste Mal als Zusatz mit austeilen. Vielen Dank für die Inspiration!
  1. Wunsch, noch etwas tiefer zu gehen bei den einzelnen Themen und mehr Reflexionsfragen von mir nach den Einzelübungen
    • Erstes Empfinden: Oh je, dann war das vielleicht zu oberflächlich? Nicht ausreichend?
    • Jetzt weiß ich: Super, bei den TN hat sich wohl was getan und sie wollen nun noch mehr über sich lernen! Vielleicht sogar gleich als Marketing nutzen für neue Seminare – wo würdet ihr gerne noch tiefer gehen? Wie schön, dass in meinen Fragen ein Mehrwert gesehen wird und ihr mehr davon wollt.
  1. Die Kekse waren irgendwann leer
    • Erstes Empfinden:  Empörung (natürlich nur innerlich). Die Verpflegung war kostenfrei und dann noch solche Ansprüche? Hatten die TN vielleicht noch Hunger?
    • Jetzt weiß ich: Das ist wohl das beste Feedback, das man bekommen kann!

Ich war so dankbar, dass eine Freundin nach dem Training für eine Art Supervision für mich bereit stand und ich ihr alle meine Gedanken mitteilen konnte. Dies rate ich auch allen Trainern, die wie ich für Erkenntnisse und Verarbeitungen erstmal Empfindungen in Worte fassen müssen.

Zusammenfassende Erkenntnisse für mich

  • Führung übernehmen ist wichtig und schafft Klarheit (Einteilung, Feedback, Regeln etc.)
  • Ich bringe einen Mehrwert (mein Eingreifen ist gewollt, gemeinsame Reflexion)
  • Jeder Seminarteilnehmer hat eigene Rolle und ist mit seinen eigenen Thematiken beschäftigt
  • Mut zu Pausen / Zeit geben (es langweilt keinen, sondern macht spannend)
  • Was für mich selbstverständlich ist, ist es auch für die TN (wenn nicht, wird das auch kommuniziert)
  • Organisation von „Unterstützern“ (für Rahmengestaltung & Supervision)
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